Jeder Cyberangriff beginnt gleich: mit den richtigen ersten Minuten
Ob Ransomware, Datenleck, DDoS oder CEO-Fraud – die ersten Maßnahmen nach einem Cyberangriff sind in vielen Punkten identisch. Wer in der Krise erst überlegen muss, verliert wertvolle Zeit. Diese Checkliste gibt Geschäftsführern und IT-Verantwortlichen einen klaren Handlungsrahmen für jeden Angriffstyp.
Universelle Sofortmaßnahmen – Die ersten 60 Minuten
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Diese Schritte gelten unabhängig davon, welche Art von Cyberangriff vorliegt:
- Ruhe bewahren und Überblick verschaffen – Panik führt zu Fehlentscheidungen. Klären Sie zunächst: Was genau ist passiert? Welche Systeme sind betroffen? Seit wann bestehen die Symptome? Dokumentieren Sie alles mit Zeitstempeln.
- Incident-Response-Experten kontaktieren – Je früher professionelle Hilfe eingebunden wird, desto besser. Externe Spezialisten verfügen über die Erfahrung und Werkzeuge, die im Ernstfall den Unterschied machen.
- Betroffene Systeme isolieren – nicht abschalten – Das ist der häufigste und teuerste Fehler: Systeme werden in Panik heruntergefahren. Damit gehen flüchtige forensische Beweise unwiederbringlich verloren. Stattdessen: Netzwerkkabel ziehen, WLAN deaktivieren, aber Geräte laufen lassen.
- Beweise sichern – Screenshots anfertigen (Fehlermeldungen, Erpresserschreiben, verdächtige E-Mails). Logfiles sichern (Firewall, Server, Mail-Gateway, Active Directory). Zeitstempel aller Beobachtungen notieren. Nichts löschen, verändern oder neu installieren.
- Krisenstab einberufen – An den Tisch gehören: Geschäftsführung, IT-Leitung, Datenschutzbeauftragter, ggf. Rechtsabteilung und Kommunikationsverantwortlicher. Klare Rollen und Entscheidungswege definieren.
- Kommunikationskanäle prüfen – Sind Ihre E-Mail-Systeme kompromittiert? Kommunizieren Sie im Zweifel über alternative Kanäle – persönlich, per Telefon oder über einen separaten Messaging-Dienst.
Schnellreferenz nach Angriffstyp
Ransomware
| # |
Maßnahme |
Priorität |
| 1 |
Betroffene Systeme sofort vom Netzwerk trennen, um Ausbreitung zu stoppen |
Sofort |
| 2 |
Erpresserschreiben fotografieren, aber keinesfalls bezahlen ohne Expertenrat |
Sofort |
| 3 |
Backup-Systeme auf Integrität prüfen (sind Backups ebenfalls verschlüsselt?) |
Hoch |
| 4 |
Active Directory auf Kompromittierung untersuchen |
Hoch |
| 5 |
Prüfen, ob Daten vor der Verschlüsselung exfiltriert wurden (Double Extortion) |
Hoch |
Datenleck / Hack
| # |
Maßnahme |
Priorität |
| 1 |
Art und Umfang der betroffenen Daten identifizieren |
Sofort |
| 2 |
Alle Zugangsdaten und Passwörter der betroffenen Systeme ändern |
Sofort |
| 3 |
Multi-Faktor-Authentifizierung sofort aktivieren, wo noch nicht vorhanden |
Hoch |
| 4 |
DSGVO-Meldefrist prüfen (72 Stunden, siehe Meldepflichten unten) |
Hoch |
| 5 |
Prüfen, ob Daten im Darknet aufgetaucht sind |
Mittel |
DDoS-Angriff
| # |
Maßnahme |
Priorität |
| 1 |
Internet-Provider kontaktieren und um Upstream-Filterung bitten |
Sofort |
| 2 |
DDoS-Mitigation-Dienst aktivieren oder Emergency Onboarding anfordern |
Sofort |
| 3 |
Prüfen, ob der DDoS-Angriff ein Ablenkungsmanöver für einen anderen Angriff ist |
Hoch |
| 4 |
Traffic-Muster dokumentieren für spätere Analyse und Strafanzeige |
Mittel |
| 5 |
Kritische Dienste priorisieren, wenn nicht alles geschützt werden kann |
Mittel |
CEO-Fraud / Business Email Compromise
| # |
Maßnahme |
Priorität |
| 1 |
Überweisung sofort bei der Bank stoppen lassen |
Sofort |
| 2 |
Empfängerbank über den Betrug informieren (über Ihre Bank) |
Sofort |
| 3 |
Betroffene E-Mail-Konten auf Kompromittierung prüfen |
Hoch |
| 4 |
Alle Mitarbeiter mit Zahlungsbefugnis warnen, keine weiteren Anweisungen auszuführen |
Hoch |
| 5 |
E-Mail-Header der betrügerischen Nachricht sichern |
Mittel |
Phishing / Kompromittierte Zugangsdaten
| # |
Maßnahme |
Priorität |
| 1 |
Passwort des betroffenen Kontos sofort ändern |
Sofort |
| 2 |
Prüfen, welche Systeme mit den kompromittierten Credentials erreichbar sind |
Sofort |
| 3 |
Aktive Sitzungen des betroffenen Kontos beenden |
Hoch |
| 4 |
Alle Mitarbeiter warnen, ähnliche E-Mails nicht zu öffnen |
Hoch |
| 5 |
E-Mail-Filter aktualisieren, um weitere Phishing-Mails zu blockieren |
Mittel |
Meldepflichten – Fristen im Überblick
| Regelwerk |
Frist |
An wen? |
Gilt für |
| DSGVO (Art. 33) |
72 Stunden |
Datenschutz-Aufsichtsbehörde |
Verletzung personenbezogener Daten |
| DSGVO (Art. 34) |
Unverzüglich |
Betroffene Personen direkt |
Bei hohem Risiko für Betroffene |
| NIS2 (Frühwarnung) |
24 Stunden |
BSI |
Wesentliche/wichtige Einrichtungen |
| NIS2 (Detailmeldung) |
72 Stunden |
BSI |
Wesentliche/wichtige Einrichtungen |
| NIS2 (Abschluss) |
1 Monat |
BSI |
Wesentliche/wichtige Einrichtungen |
| Strafanzeige |
Keine Frist |
ZAC des LKA |
Empfohlen – je schneller, desto besser |
Kommunikation im Krisenfall
Interne Benachrichtigung
Informieren Sie Ihre Mitarbeiter zeitnah, sachlich und mit klaren Handlungsanweisungen:
- Was ist passiert (so viel wie nötig, so wenig wie möglich)
- Was müssen Mitarbeiter jetzt tun (Passwörter ändern, verdächtige E-Mails melden etc.)
- Wer ist Ansprechpartner für Rückfragen
- Keine eigenmächtigen Maßnahmen ergreifen
Externe Kommunikation
- Kunden und Partner informieren, wenn deren Daten betroffen sind
- Keine voreiligen Stellungnahmen an Presse oder Social Media
- Kommunikation mit Behörden über definierte Ansprechpartner
- Bei Bedarf externe Krisenkommunikation hinzuziehen
Was Sie NICHT tun sollten
| Fehler |
Warum nicht? |
| Nicht bezahlen |
Lösegeldzahlung garantiert keine Datenwiederherstellung und finanziert weitere Angriffe. Zumindest nicht ohne professionelle Beratung. |
| Nicht selbst verhandeln |
Kommunikation mit Angreifern erfordert Erfahrung und Strategie. |
| Systeme nicht einfach neu aufsetzen |
Damit vernichten Sie Beweise, die für die Forensik und Strafverfolgung entscheidend sind. |
| Nicht vertuschen |
Meldepflichten ignorieren führt zu erheblichen Bußgeldern. Transparenz begrenzt den Reputationsschaden. |
| Nicht allein handeln |
Cyberangriffe sind komplex. Interne IT-Teams sind selten auf Incident Response spezialisiert. |
| Keine Schuldzuweisungen |
Im Krisenfall zählt Zusammenarbeit, nicht Fehlersuche. |
Vorbereitung: Bevor es passiert
Die beste Checkliste nützt wenig, wenn sie erst im Ernstfall zum ersten Mal gelesen wird. Bereiten Sie sich vor:
Diese Checkliste rettet keine Daten – aber sie rettet Zeit
Und Zeit ist der entscheidende Faktor bei einem Cyberangriff. Drucken Sie diese Checkliste aus. Hängen Sie sie in Ihr IT-Büro. Besprechen Sie sie mit Ihrem Team. Denn wenn der Ernstfall eintritt, muss jeder Handgriff sitzen.